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"Ein programmatischer
Entwurf"
"Die
architektonische Formulierung des städtischen Raumes entzieht sich
zunehmend unserer Kontrolle und Ein-flußnahme. Politische Entscheidungsstrukturen
sowie das Fehlen eines städtebaulich wirksamen Instrumentariums,
welches nicht nur die Erfüllung und Berücksichtigung eh absurder
Quoten gewährleistet, sondern vor allen Dingen die Bildung von städtischem
Raum ermöglichen soll, wirken hier fatal. Der demzufolge gebaute
Kompromiss ist kaum je in der Lage, die Kontinuität und vor allen
Dingen die Permanenz zu erzeugen, die eine der wesentlichen Bedingungen
für die Qualität des städtischen und des öffentlichen
Raumes sind; wir brauchen hier gar nicht erst auf die fehlende Konsensfähigkeit
architektonischen Denkens heute einzugehen.
Was Wunder denn, dass in Anbetracht dieser Tatsache der Innenraum zum
Surrogat für die Unmöglichkeit des Außenraumes geworden
ist, wenn im Innern von Gebäuden - alten wie neuen - das eigentlich
städtische Experimentierfeld gesucht wird, das uns der Außenraum
- partizipatorisch vereinnahmt - kaum noch bietet. Hier finden wir uns
in einem präzise eingegrenzten Arbeitsfeld, in dem der Negativraum,
der Innenraum, noch nicht zu allgemeiner »Akzeptanz« zwingt.
Der zentrale Innenraum ist geschichtlich immer Teil eines Raumgefüges
gewesen; er machte den inneren Aufbau eines Bauwerkes sichtbar, war aber
immer Teil des ganzen Bauwerkes und aus seinen strukturellen Prinzipien
entwickelt. Der Verlust der architektonischen Kohärenz des Innenraumes
zum konstruktiven Aufbau des ihn umschließenden Gebäudes, wie
auch die Unterbringung der technischen Gebäudeausrüstung, der
Ausgleich von Malltoleranzen zwischen Rohbau und Ausbau führten zur
Logik der »inneren Schale«, die oftmals ihr Eigenleben in
einer, jedem Modetrend anpaßbaren, unabhängigen Hülle
sucht. Dies geht einher mit einer architektonischen Verselbständigung
von Innenräumen, bis hin zum nicht mehr erkennbaren strukturellen
Bezug zur umgebenden Gebäudehülle.
In diesem Sinne ist der Galerieraum des Ikonen-Museums in Frankfurt am
Main ein programmatischer Entwurf, denn er führt einerseits die strukturelle
Ordnung des ihn umschließenden Bauwerkes, des Deutschherrenkonvents,
in der räumlichen Ordnung des Galerieraumes fort; auf der anderen
Seite bedeutet die dem Altbau eingepflanzte Raumkonfiguration durchaus
eine authentische Interpretation des bestehenden Baugefüges und dessen
Transformation in eine neue Raumsequenz, die über den Respekt vor
dem Bestand hinaus, diesem einen neu »erfundenen« Mikrokosmos
einpflanzt. Die Elemente, die zur Präzisierung dieses Raumgedankens
eingesetzt werden, sind dem »städtischen« Repertoire,
dem öffentlichen Raum, entnommen und werden auf engstem Raum neu
zusammengefügt."
Oswald Mathias Ungers
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